Die heilige Eucharistie - Das Mysterion des kostbaren Leibes und Blutes Christi

 

Das sakramentale Verständnis der heiligen Eucharistie in der orthodoxen Kirche

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Feier der heiligen Eucharistie (griechisch: Η Θεία Ευχαριστία oder ή Αγία Ευχαριστία) steht im Zentrum des geistlichen und gottesdienstlichen Lebens der orthodoxen Kirche. Sie ist Mittel und Ort der Heiligung der rechtgläubigen Christen und formt aus den orthodoxen Christen erst den mystischen Leib Christi auf Erden.

 

In der Feier der Göttlichen Liturgie treten die irdische und die himmlische Kirche in sakramentaler Gemeinschaft zusammen.  Dies wird besonders deutlich, wenn wir uns die Ikone der Apostelkommunion ansehen. Sie ist  entweder hinter dem Altar an der Apsiswand oder aber über den königlichen Türen des Ikonostas angebracht. Wir erblicken auf dieser Ikone Christus Selbst als den eigentlichen Liturgen der Liturgiefeier. Die Feier der Göttlichen Liturgie gleicht einer liturgischen Ikone; sie ist ein realitätsvermittelndes Abbild der himmlischen Wirklichkeit. Diese himmlische Herrlichkeit wird durch die sakramentale Feier inmitten der irdischen Kirche abgebildet und damit für uns geistlich zu einer erfahrbaren Wirklichkeit. Das liturgische Geschehen bildet die himmlische Wirklichkeit jedoch nicht nur als Abbild oder Typos ab, sondern durch die liturgische Widerspiegelung der himmlischen Liturgie in unserer irdischen Liturgie wird die gesamte Heilrealität Gottes inmitten Seiner Kirche sakramental-liturgisch erfahrbar.

 

 

In der Feier der Göttlichen Liturgie wird das Mysterion des Opfers Christi auf dem Altar sakramental vergegenwärtigt. Diese sakramentale Vergegenwärtigung bezieht sich auf jenes eine und einmalige Opfer, wie es sich einst auf Golgotha zugetragen und in der Feier des Heiligen Abendmahls am Großen und Heiligen Donnerstag (Gründonnerstag) durch Christus Selbst sakramental vorabgebildet wurde. Jedoch begann das Opfer Christi, des Logos, des Eingeborenen Sohnes Gottes, der aus dem Vater gezeugt wurde vor aller Zeit, bereits mit Seiner Kenosis, dem Herabstieg des »Einen aus der Heiligsten Dreieinheit« (vgl. Hymnus »O eingeborener Sohn«), der zu unserem Heile menschgeworden ist aus der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria. Deshalb versteht die orthodoxe Kirche die heilige Eucharistie, also die Feier der Göttlichen Liturgie, als ein großes und umfassendes Lob- und Dankopfer, durch dessen Feier alle Heilstaten Gottes, wie sie sich einst zu unserem Heile zugetragen haben und nun im priesterlichen Gebet der Anaphora liturgisch genannt und dadurch sakramental präsent werden, im Vollzug des eucharistischen Mysterions (Sakrament) nun wiederum auf dem Altar sakramental vergegenwärtigt werden und deren Heilswirkungen deshalb in der heiligen Kommunion von den Gläubigen real und wirklich empfangen werden. Im Gegensatz zur römischen Messauffassung feiert die orthodoxe Kirche die heilige Eucharistie als große Lob- und Danksagung, aber nicht für das Kreuzesopfer Jesu Christi allein, sondern für das gesamte in Jesus Christus vollendete  und zu unserem Heil, zum Empfang der Theosis, sakramental real gegenwärtige Heilswerk Gottes. Die Feier der Göttlichen Liturgie ist also sakramentale Danksagung für das gesamte göttliche Heilswerk und zugleich seine sakramentale Vergegenwärtigung. Deshalb wird die Feier der heiligen Eucharistie auch zu Recht die »Göttliche Liturgie« genannt.

 

Im Kontext des orthodoxen Eucharistieverständnisses wird die Opfertheologie des Römerbriefes mit der des Hebräerbriefes in einem unzertrennlichen doppelten Zusammenhang gesehen: die zeitlich-irdische und die überzeitlich-himmlische Dimension des Opfers Christi. Das auf Golgatha in der Zeit des Kaisers Tiberius »ein für allemal« dargebrachte Opfer Christi (vgl. Hebräer 7:27) hat als historisches Ereignis eine räumlich-zeitliche Dimension; der Sinn beziehungsweise die Bedeutung dieses Geschehens jedoch liegt jenseits von Zeit und Raum, denn die ewige Hohepriesterschaft Jesu Christi (vgl. Hebräer 9:11), die in der zeitlich bestimmbaren Hingabe Seines Blutes ihren ergreifenden Ausdruck fand, bezieht sich nicht auf das Opfer auf Golgatha allein, sondern verweist auf das himmlische Heiligtum, unter dem der Felsen von Golgatha steht: »Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere Zelt ... ist Er ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit Seinem eigenen Blut, und so hat Er eine ewige Erlösung bewirkt« (vgl. Hebräer 9: 11 f.).

 

 

Deshalb ist Christus in der Feier der Göttlichen Liturgie der »Darbringende und der Dargebrachte« (vgl. priesterliches Gebet vor dem Großen Einzug). Die gesamte irdische und himmlische Liturgie ist ein Opfer des Lobes, das Gott, dem Vater, durch Christus, unserem Hohepriester und Liturgen dargebracht wird.

 

 

Unser irdischer Altar wiederum ist das liturgische Abbild des himmlischen Heiligtums. Er ist geistliche Ikone des himmlischen Thrones unseres erhöhten Herrn Jesus Christus, der zur Rechten des Vaters sitzt und für uns das Dank- und Lobopfer der Heiligen Himmlischen Liturgie, umringt von allen Engeln und Heiligen, Gott, dem Vater, darbringt und für uns eintritt: »Wir haben einen Hohepriester, der sich zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat, als Diener des Heiligtums und des wahren Zeltes, das der Herr selbst aufgeschlagen.« (vgl. Hebräer 8:6).

 

 

Aufgrund dieses Abbildlichkeitscharakters der irdischen Eucharistiefeier kann ein irdischer Liturge niemals Nachfolger oder Stellvertreter Christi sein. Aber was der römische Patriarch (Papst) in der Feier der Göttlichen Liturgie nicht sein kann, das kann er auch nicht ekklesiologisch inmitten der Kirche sein, denn nach orthodoxem Verständnis manifestiert sich das Wesen der Kirche in der Feier der Göttlichen Liturgie. Der vorstehende Bischof oder Priester ist in seiner liturgischen Dienstfunktion nur »eine äußere Gestalt«, ein Abbild, gleichsam eine lebendige Ikone, des in der Kirche gegenwärtigen Herrn. So vergegenwärtigen der Bischof, oder der von ihm beauftragte Priester, gleich einer solchen lebendigen Ikone den Herrn Jesus Christus, wie die konzelebrierenden Priester die heiligen Apostel, die Diakone die heiligen Engel und die versammelten Gläubigen die himmlische Gemeinschaft, die Synaxis (Versammlung) der Heiligen symbolisieren und vergegenwärtigen.

 

Deshalb wird Christus auch auf den Ikonen, die die Feier der himmlischen Liturgie abbilden, als Hohepriester dargestellt. Er trägt sowohl die liturgischen Gewänder eines Bischofs, wie auch die Gewänder des Kaisers, denn Christus ist der himmlische König, der Pantokrator, und zugleich der Hohepriester Seiner Kirche. Er ist der menschgewordene Sohn Gottes; Er ist der im Alten Testament verheißene Christus (=Messias)-König, aber Er ist nicht in irdischer Macht und nur für das von Gott auserwählte Volk Israel, sondern in Demut und zum Heil aller Menschen in diese Welt gekommen. Ihm assistieren bei der Feier der himmlischen Liturgie wiederum nicht Priestern und Diakone, sondern die heiligen Engel, denn durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes wird alles miteinander wieder in schöpfungsgewollter Einheit zusammengebracht, was durch den Eintritt der Sünde in die Schöpfung einstmals zerrissen worden ist (»was im Himmel und auf Erden ist«, vgl. Epheser 1: 10).

 

Wir alle sind eine Synaxis der gesamten Kirche, wenn wir uns um unseren Bischof oder Priester versammeln, die für uns die Darbringung kraft des ihnen in der Handauflegung (griechisch: Cheirotenia) verliehen sakramentalen Priestertums vollziehen. Indem wie uns mit dem Gebet unseres Bischofs oder Priesters vereinen, sind auch wir Gläubigen Mitliturgen der himmlischen Herrlichkeit unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, den wir Gläubigen mit dem priesterlichen Liturgen  durch unsere Gebete in der Göttlichen Liturgie verherrlichen und lobpreisen. Die um ihren Bischof oder Priester vereinte Gemeinde ist dabei nicht nur ein Teil der Heiligen Kirche, sondern in ihr ist die gesamte rechtgläubige Kirche Christi gegenwärtig (vgl. Alexej Chomjakov).

 

Zugleich bleibt im kirchlichen Bewusstsein der orthodoxen Kirche immer klar gegenwärtig, dass die Feier der Göttlichen Liturgie etwas ist, das wir nicht machen oder eigenwillig gestalten können, sondern das wir nur in Demut und Treue zur apostolischen Überlieferung empfangen dürfen. Hierher rührt die orthodoxe Skepsis gegenüber den heutigen liturgischen Experimenten, wie sie die römische Kirche seit dem Vatikanum II prägen. Wie das Heilige Evangelium, so ist auch die Göttliche Liturgie ganz Gabe Gottes, der wir zwar in Synergeia mit dem Heilshandeln Gottes begegnen, das aber deshalb noch lange nicht in unserer Verfügbarkeit nehmen dürfen, denn der eigentlich Handelnde und Darbringende im Himmel und auf Erden ist und bleibt Christus Selbst. Deshalb sagt uns auch der heilige Johannes Chrysostomos: »Die vorliegenden (Gaben) sind nicht das Werk menschlicher Kraft. Er, der sie damals bei jenem Mahl vollbrachte, verrichtet sie auch jetzt. Wir nehmen nur die Stelle von Dienern ein. Der sie aber heiligt und verwandelt, das ist Er.«

 

Der Bischof, Priester und Volk bringen ihrerseits ihre Danksagung (griechisch: Eucharistia) zum Ausdruck, indem sie in Anbetracht der Heils-Gaben des Auferstandenen an Seine Kirche die Göttliche Liturgie als Göttliche Eucharistia, als Danksagung für die empfangenen Heilstaten Gottes feiert.

 

 

Die gesamte Heilsökonomie Gottes wird in der Feier der Göttlichen Liturgie gegenwärtig, wie es die Gebete der Ansaphora beindruckend bezeugen: Schöpfung, Menschwerdung Gottes, Tod und Auferstehung des Herrn bis hin zur Ausgießung des Heiligen Geistes und Wiederkunft Christi in Herrlichkeit. Aber auch die bereits im Herrn Entschlafenen und unsere Bitten zu ihrem Heil werden in der Feier der Göttlichen Liturgie liturgisch-sakramental gegenwärtig. In der Proskomidie wurde ihre Namen genannt und ihre Seelen im Symbol der keinen Brotteilchen auf dem liturgischen Diskos als Abbild der Kirche um Christus, das wahre Opferlamm, versammelt. Hier sind aber bereits durch kleine und größere Brotteilchen die Allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria, alle Engel und Heiligen um Christus liturgisch-symbolisch in ihrem Lobpreis Gottes und in ihrer Fürbitte für uns versammelt. Auch die rechtgläubige Hierarchie der Kirche und schließlich die Gläubigen werden durch kleine Brotstückchen in Fürbitte vor Christus gebracht. So ist schon zu Beginn der Göttlichen Liturgie die gesamte himmlische und irdische Kirche um Christus, den »Darbringenden und Dargebrachten« versammelt, der ihr Lob- und Dankopfer auf den himmlischen Altar emporheben und vor das gnädige Antlitz Gottes bringen wird.

 

 

In diesem ersten Teil der Göttlichen Liturgie lässt sich bereits die sakramentale Identität und das damit verbundene Heilsverständnis unserer orthodoxen Kirche erkennen: Im Gebet und der hieraus entstehenden liturgischen Wirklichkeit; im Wirken des Heiligen Geistes an den vorgelegten Gaben und der versammelten Gemeinde sind alle in die göttliche Heilswirklichkeit mit hineingenommen: die Allheilige Gotttesgebärerin samt allen Engeln und Heiligen, die bereits verstorbenen und die noch lebenden Christgläubigen, aber auch der gesamte Kosmos, die belebte und unbelebte Natur sind in das von Christus hervorstrahlende, göttliche Gnadenlicht, das Er uns bei Seiner Verwandlung auf dem Berge Tabor offenbart hat, mit hineingenommen.

 

Als der Ort der geistlichen Erfahrung der göttlichen Gnadengaben, vor allem Seiner erlösenden Liebe, ist die orthodoxe Kirche deshalb Arche des Heiles, und fortdauernder mystischer Leib Christi auf Erden. Hier vollzieht sich die Feier der Danksagung für das Liebeshandeln Gottes an uns, die Feier der Göttlichen Liturgie. Hier ist das kommende Eschaton (das geheiligte Zeitalter der Wiederkunft Christi) für uns bereits liturgisch vorweggenommen und erfahrbar. Die Kirche ist der sakramentale Ort der Verwirklichung des bereits angebrochenen Heils, das uns seit dem Ostermorgen hell aus dem Grabe Christi entgegenstrahlt. Das Himmlische ist seitdem im Irdischen, das Unsichtbare im Sichtbaren, das Zeitlose im Zeitlichen, das Unendliche im Endlichen und das gedanklich Unfaßbare im durch den Glauben gnadenhaft Erlebbaren gegenwärtig. Hierin offenbart sich der sakramentale Erfahrungshorizont der Kirche, der sie von allen protestantischen Interpretationen des Evangeliums und der Kirche Christi wesensmäßig unterscheiden.

 

 

In der liturgischen Ikone der Göttlichen Liturgie erfahren wir heute bereits die kommende Herrlichkeit der Königsherrschaft Christi. In der Feier der Göttlichen Liturgie wird die Gegenwart Christi und Seines Heiles nicht einfach nur symbolisch abgebildet. Sie ist kein frommes Theaterstück aus frühchristlicher oder byzantinischer Zeit, kein prächtiges mittelalterliches Mysterienspiel, wie einige moderne nicht-orthodoxe Theologen in ihrer Fixierung auf ein protestantisches Gottesdienstverständnis heute meinen, sondern reale Vergegenwärtigung der gesamten Heilsökonomie Gottes und somit für den, der mit den Augen des orthodoxen Glaubens zu schauen vermag, der Anbruch und die Morgenröte der himmlische Wirklichkeit.

 

Diese eucharistische Erfahrung der Kirche findet ihren beredten Ausdruck bereits in den Schauungen des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes des Theologen auf Patmos: »Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Siehe da, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden Sein Volk sein; und Er, Gott, wird bei ihnen sein« (vgl. Apokalypse 21:3). Die Offenbarung des heiligen Johannes, der bezeichnenderweise »am Tag des Herrn vom Geist ergriffen« wurde (ebd. 1: 10) und dann diese prophetischen Worte aufschrieb, ist durchdrungen von der eucharistischen Heilserfahrung der Kirche, die in aller Bedrängnis und in den Unzulänglichkeiten dieses irdischen Lebens die reale Gemeinschaft mit Gott erlebt.

 

Aus diesem Grunde bezeichnen die Heiligen Väter die heilige Eucharistie als das »Sakrament der Sakramente«. Sie ist das liturgische Herz der Kirche, ihre geistliche Grundlegung, ihr mystisches Fundament. Ohne die Feier der heiligen Eucharistie in der Göttlichen Liturgie ist das christliche geistliche Leben und damit die Erlösung, die Darreichung des in Christi Heilshandeln gewirkten Heils undenkbar.

 

 

Das Abendmahlsverständnis in der orthodoxen Kirche

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die eucharistische Darbringung, die Anaphora, ist nach orthodoxem Verständnis ein »Opfer des Lobes« (vgl. Beginn der Anaphora) für die Heilstaten Gottes vom Anbeginn der Schöpfung an. Im Gegensatz zur abendländischen Theologie, die wegen der Fokussierung ihrer Erlösungslehre auf die Rechtfertigung in der Anaphora vor allem das Kreuzesopfer Christi vergegenwärtigt wissen will, ist die orthodoxe Anaphora Opfer, Danksagung und sakramental-liturgische Vergegenwärtigung aller Heiltaten Gottes. Sie ist Gnadengabe und Heilswerk Christi. Deshalb begreift die orthodoxe Kirche nicht den Priester als den Hauptakteur des liturgischen Geschehens, wie es die abendländische mittelalterliche Mess-Theologie getan hat. Vielmehr ist Christus Selbst der  »Darbringende und der Dargebrachte«. Er ist der das Opfer der versammelten Kirche Empfangende, das Er wiederum als der alleinige Mittler Gott, dem Vater, darbringt. Und Er ist der die heilige Kommunion Austeilende und in ihr Empfangene. Nach dem Gebet des Priesters zum Cherubim-Hymnus ist unser Herr Jesus Christus Selbst der alleinige Vollzieher der heiligen Eucharistie.

 

 

Er ist unsichtbar, aber im liturgischen Vollzug des Sakramentes ganz und gar real in Seiner rechtgläubigen Kirche anwesend und wirkt sakramental durch den Priester. Nach den Gebetsworten der Heiligen Liturgie geschieht die Verwandlung sowohl an den vorgelegten Gaben wie auch an der versammelten Gemeinde, die dadurch aus göttlicher Gnade erst befähigt wird, das »Heilige den Heiligen« (vgl. Ausruf des Priesters vor der heiligen Kommunion) zu empfangen und die wiederum bekennt: »Einer ist Heilig, Einer ist der Herr, Jesus Christus, zur Verherrlichung Gottes des Vaters. Amen.«

 

 

Für orthodoxe Christen bleibt deshalb jedes rein symbolische Verständnis des Abendmahls aus ihrer kirchlichen Glaubenserfahrung heraus unverständlich. Die Feier der Göttlichen Liturgie ist keine einfache Symbolhandlung, die als bloße Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu verstanden und vollzogen werden könnte. In der Feier der Göttlichen Liturgie wird das Opfer Christi, das Er bereits in der Feier des Letzten Abendmahles Seinen heiligen Apostel und Jüngern sakramental zugänglich gemacht hat, nicht wiederholt, sondern liturgisch-sakramental vergegenwärtigt. Die Feier jeder Göttlichen Liturgie ist ein Gegenwärtig- und Realwerden jener ersten heiligen Kommunion, in der Christus Selbst Sein Heilshandeln durch die Teilhabe an Seinem letzten Heiligen Abendmahl Seinen Jüngern und Aposteln dargereicht hat. So ist die Feier der Göttlichen Liturgie, zu der nach genuin orthodoxem Verständnis deshalb auch immer die Teilhabe an der heiligen Kommunion (griechisch: Η Θεία Κοινωνία oder ή Αγία Κοινωνία) gehört, ein sakramental-liturgisches Gegenwärtigwerden jener heiligen Nacht, in der Christus Selbst mit Seinen Jüngern und Aposteln am Tisch saß und das Mysterion der heiligen Eucharistie vollzog.

 

 

Dieses heilige Mysterion der realen göttlichen Gegenwart und der sakramentalen Teilhabe am Heilshandeln Christi wird in der orthodoxen Kirche in der Feier der heiligen Eucharistie ununterbrochen fortgeführt. Deshalb beten wir vor dem Empfang der heiligen Gaben, wenn die Priester uns den Kelch des Heiles zeigt und ausruft: »Mit Glauben und Gottesfurcht tretet heran«, »Ich glaube, o Herr, und ich bekenne, dass Du bist Christus der Sohn des lebendigen Gottes …auch glaube ich, dass dies Dein Allreiner Leib Selbst und dies Dein Kostbares Blut Selbst ist…Des geheimnisvollen Gastmahls mache mich heute teilhaftig, o Sohn Gottes, Deinen Feinden will ich das Geheimnis (Mysterion) nicht verraten…«.

 

 

So glaubt die orthodoxe Kirche fest daran, dass sich in der Feier der heiligen Eucharistie Brot und Wein in den wahren Leib und in das kostbare Blut Christi verwandeln und nicht rein symbolische Darstellungen oder Bilder gleich den alttestamentlichen Bundeszeichen sind, wie es unsere reformierten und freikirchlichen Mitchristen meinen.

 

Ein solches ganz und gar sakramental-reales Verständnis der heiligen Eucharistie ist kennzeichnend für die Kirche Christi seit der Zeit der heiligen Apostel. So bezeugt uns der heilige Josephus Flavius  im 2. Jahrhundert: »Diese Speise ist der Leib und das Blut dieses fleischgewordenen Jesus«. Und der heilige Ignatius, der Gottesträger, ein Schüler des heiligen Johannes des Theologen, der im 2. Jahrhundert Bischof von Antiochien war und sein Christusbekenntnis mit dem Martyrium besiegelt hat: »Die Eucharistie der Leib unseres Heilandes Jesu Christi ist, der für unsere Sünden gelitten hat«. Auch die heiligen Apostel überliefern uns, was Christus Selbst über die heilige Eucharistie lehrte: »Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich in ihm« (Johannes 6:55-56).

 

 

Durch die heilige Kommunion vollzieht sich nach orthodoxem Glauben die Vereinigung des Gläubigen mit Christus Selbst; nicht symbolisch und bildlich, sondern wirklich, real und vollständig. So wie Christus Brot und Wein sakramental durchdringt und sie mit Seiner Göttlichkeit erfüllt, so geht Er auch in den Menschen ein und erfüllt seinen Leib und seine Seele mit Seiner lebensschaffenden Gegenwart durch die gnadenhafte Teilhabe an den ungeschaffenen göttlichen Energien. Die Teilhabe an der Heiligen Eucharistie vergöttlicht uns (vgl. die Vorbereitungsgebete vor dem Empfang der heiligen Kommunion), das heißt sie gibt uns wirklich Anteil an der göttlichen Gnadengabe der Erlösung.

 

Doch wie jedes der anderen heiligen Mysterien Christi wirkt  auch die heilige Eucharistie nicht dinglich-magisch an uns, sondern immer geistlich-sakramental. Damit der Empfang der heiligen Gaben zur göttlichen Kommunion für uns werden kann, müssen wir mit der uns darin geschenkten göttlichen Gnade zusammenwirken, das heißt, sie durch ein ernsthaftes geistliches Leben fruchtwirkend in uns werden lassen.

 

Im Empfang der heiligen Eucharistie werden wir, wie es die Heiligen Väter sagen, »des gleichen Fleisches« mit Christus. Er geht in uns ein wie er einst in den Schoß der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria einging. Er nimmt in geistlich-realer Wohnung in uns mit dem Vater und dem Geiste. Wir werden dadurch zu geistlich-leiblichen Tempeln Gottes. Der heilige Symeon, der Neue Theologe, sagt darüber, dass Christus, indem Er sich mit uns vereinigt, alle Glieder unseres Körpers göttlich macht: »Du bist uns dem Fleisch nach verwandt und wir sind Dir verwandt nach Deiner Göttlichkeit. Du verbleibst mit uns jetzt und immerdar, Du nimmst in jedem Deine Wohnung, und Du wohnst in allen. Jeder von uns einzeln ist mit Dir, o Heiland, ganz mit dem Ganzen, und Du bleibst in jedem Einzelnen. So werden alle Glieder von jedem von uns zugleich Glieder Christi und wir gemeinsam werden zu Gott, da wir alle zusammen in Gott sind«. In diesen Worten des Heiligen Symeon, des  Neuen Theologen, leuchtet uns die geistliche Erfahrung unserer orthodoxen Kirche auf: Die enge Verbindung zwischen der heiligen Kommunion und der Erlangung des Heiles, der geistlich-organischen Verbindung des Empfangs der heiligen Eucharistie mit ihrer Wirkung der gnadenhaften  Vergöttlichung, die nach orthodoxen Verständnis das Ziel des christlichen Lebens ist. Deshalb spricht der heilige Irenäus von Lyon von der heiligen Eucharistie als der   »Arznei, die zur Unsterblichkeit führt«.

 

Nach orthodoxem Verständnis wurde der Mensch als eine Einheit aus Seele, Geist und Körper erschaffen. Deshalb verstehen wir Orthodoxen den christlichen Glauben und die damit verbundene die Erlösung immer ganzheitlich; niemals nur als eine Glaubenslehre oder religiöse Philosophie, die sich nur an unseren Geist richten würde, niemals nur als Rechtfertigung oder Gerechtsprechung vor Gott, die nur unsere Seele betreffen würde, sondern als Vergöttlichung, als eine vollständige Erlösung und Heiligung, die den gesamten Menschen ergreifen, verändern, heilen und heiligen soll. Hierin liegt, unter anderen, einer der Gründe für die besondere Hochschätzung der leiblichen Aspekte im Erlösungsprozess des Menschen, die sich in den sakramentalen Vollzügen unserer orthodoxen Kirche und ihrer Aneignung durch den geistlichen Glaubensweg der christlichen Askese im Leben des einzelnen Gläubigen ausdrückt.

 

 

Auch unser Leib erhält durch den Empfang der heiligen Kommunion so etwas wie einen Sauerteig der Unverweslichkeit. Nicht nur Seele und Geist, sondern auch der Leib wird durch den Empfang der heiligen Eucharistie vergöttlicht. Deshalb sind die Leiber vieler Heiliger, die sich schon in ihrem irdischen Leben in besonderer Weise der Vergöttlichung angenähert haben, auch nach ihrem irdischen Tod unverwest geblieben. Da sie bereits in ihrem irdischen Leben ein hohes Maß an Christusförmigkeit erlangt haben, gehen auch von ihren Reliquien gleich wie vom Leibe Christi selbst (vgl. Matthäus 9:18-22; Markus 5:25-34; Lukas 8:43-48) gnadenwirkende Kraft aus.

 

Aber auch diejenigen Gläubigen, die in ihrem Erdenleben nicht den Stand vollkommener Heiligkeit erreicht haben, gewährt der Empfang der heiligen Kommunion die Arznei der Unsterblichkeit und zwar nicht nur der seelisch-geistlichen, sondern auch der Unsterblichkeit ihrer Leiber. Auch wenn sie sterben und ihre Leiber danach verwesen, wird dieser »eucharistische Sauerteig« für ihre gesamte menschliche Person zum Unterpfand der zukünftigen Auferstehung. Hierin liegt im Übrigen auch der geistliche Sinn, warum die orthodoxe Kirche die mutwillige Verbrennung der verstorbenen Leiber konsequent ablehnt und in dieser Praxis eine gelebte Form der Apostasie sieht.

 

Wegen dieses besonderen, umfassenden Wirkcharakters der heiligen Kommunion schenkt die orthodoxe Kirche diesem Mysterion eine besondere geistliche und liturgische Beachtung, wenn auch die heilige Eucharistie in die Gesamtheit der übrigen Sakramente eingeordnet bleibt. So ist die Heilige Eucharistie Krönung und Abschluss der Sakramente, durch die wir zu Christen werden. In der heiligen Taufe erhalten wir die Vergebung der Sünden, in der heiligen Myronsalbung erhalten wir die Gnadengabe des Heiligen Geistes, die uns befähigt, in der bereits empfangenen Taufgnade zu leben. In der heiligen Eucharistie wird dieses neu empfangene Leben in Christus dann genährt und auferbaut.

 

 

Zugleich werden wir durch den Empfang der heiligen Kommunion in den mystischen Leib Christi auf Erden, die heilige Kirche, eingefügt und damit befähigt, den Weg zu unserer Erlösung, zur Theosis, in der Gemeinschaft alen übrigen Gläubigen zu beschreiten. Diese drei Mysterien verleihen einem jeden orthodoxen Gläubigen das allgemeine Priestertum, also die Fähigkeit der Welt die Frohe Botschaft von der Erlösung in Jesus Christus zu bezeugen und den Weg zur Heiligkeit zu beschreiten.

 

Ohne die Gnadengabe der göttlichen Gemeinschaft in der heiligen Kommunion und die damit empfangene geistliche Stärkung würden wir schnell durch den Bösen verführt und von ihm vom Wege des Heiles wieder abgebracht werden.

 

Auch alle übrigen Sakramente haben eine solche organische Beziehung zur heiligen Eucharistie. So verleiht uns die heilige Beichte oder Buße die Gnadengabe der Sündenvergebung, also die Wiederherstellung der Taufgnade und befähigt uns damit, segensreich die Heiligen Gaben zu empfangen. Die Handauflegung oder Chirotoneia verleiht dem Empfänger das sakramentale Priestertum, also die Gabe, die heiligen Mysterien für die Kirche zu vollziehen und die orthodoxe Glaubensbotschaft in der Mitte der Rechtgläubigen zu verkünden.

 

Auch die beiden christlichen Lebenswege des Ehestandes und des Mönchtums erwachsen nicht aus sich selbst heraus. Gleich einer zweiten Taufe sind sie sakramentale Grundlegung einer Vertiefung des christlichen Lebensweges, die immer wieder der Einwohnung Christi in uns durch den Empfang Seiner Heiligen Gaben bedarf, damit jeder dieser beiden Lebenswege zu einem Pfad, der zur Heiligkeit führt, werden kann.

 

Die besondere Heilsbedeutung der heiligen Eucharistie wird auch daran deutlich, dass das Mysterion der Krankensalbung, das Sakrament der geistlichen und körperlichen Heilung im Anschluss an den Empfang von Beichte und Kommunion gespendet werden soll (soweit es der Körperliche zustand des Erkrankten zulässt).

 

Aus all den hier Gesagten wird die mit nichts zu vergleichende geistliche Bedeutung der heiligen Kommunion in Bezug auf die Erlösung des ganzen Menschen mehr als deutlich. Denn  ohne die heilige Eucharistie gibt es weder Erlösung noch Vergöttlichung; weder wahres Leben noch Auferstehung und ewiges Leben.

 

 

Der heilige Apostel und Evangelist Johannes sagt uns dazu: »Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und Sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.« Und: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage« (Johannes 6:53-54).

 

Diese Worte Christi werden in der orthodoxen Kirche nicht symbolisch, sondern ganz real wortwörtlich verstanden. Aus diesem Grunde weist die orthodoxe Kirche ihre Gläubigen wieder und wieder auf diese Worte im heiligen Evangeliums hin. So wird den orthodoxen Gläubigen in allen orthodoxen Lokalkirchen empfohlen, nach würdiger Vorbereitung regelmäßig das Mysterion der heiligen Eucharistie zu empfangen. In der russischen Tradition sind die Gläubigen heute eingeladen und aufgerufen, wenn möglich jeden Sonntag die Heiligen Gaben zu empfangen.

 

Dabei verzichtet die orthodoxe Kirche jedoch nicht auf die notwendige Vorbereitung auf die Begegnung mit den Heiligen Gaben durch Fasten und Gebet. Deshalb werden in der russischen Kirche dem Kommunikanten in der Regel auch der Besuch der Nachtwache am Vorabend und die vorherige Beichte vorgeschrieben.

 

Manche orthodoxe Gläubige gehen deshalb nur einmal im Monat oder sogar nur einmal im Jahr zur heiligen Kommunion. Zur Zeit der Synodalepoche in der russischen Kirche vor 1917 traten die Frommen in den vier Fastenzeiten zum Empfang der heiligen Kommunion heran, andere jedoch oft nur einmal im Jahr in der Karwoche oder der österlichen Festzeit. Dieser Brauch entsprach aber nicht der ursprünglichen Lehre der orthodoxen Kirche, wie uns jeder Blick in die Schriften der heiligen Väter schnell zeigt. So weist uns der heilige Johannes Chrysostomos mit großer Ernsthaftigkeit darauf hin, dass sich derjenige, der ohne schwerwiegenden Grund nicht an der heiligen Kommunion teilnimmt, bereits selbst exkommuniziert hat, da er die heilige Gemeinschaft mit Gott und dem mystischen Leib Christi gering achtet.

 

In der russischen Kirche kehrte die Mehrheit der Gläubigen in der Zeit der atheistischen Verfolgungen zum häufigeren Empfang der Heiligen Gaben zurück.

 

 

In Bezug auf unsere Vorbereitung auf den Empfang der Heiligen Gaben und auf die damit verbundene notwendige Ausrichtung unseres geistlichen und asketischen Lebens lässt sich zunächst einmal grundsätzlich festhalten,  dass wir Menschen weder uns in der Heiligen Beichte wirklich so zu erkennen vermögen, wie wir vor dem allsehenden Auge Gottes wirklich mit unserem Leben stehen, noch dass auch nur einer von uns die große Heiligkeit dieses Göttlichen Sakramentes ganz erfassen könnte, geschweige denn mit all unseren asketischen und geistlichen Bemühungen je »würdig« werden könnten, das Sakrament aus dem Grunde »eigener Würdigkeit« empfangen zu dürfen. Als Menschen sind wir allzumal alle ohne jede Ausnahme Sünder; wir sind geislich und deshalb oft auch psychisch und physisch Kranke, die des göttlichen Arztes der Seele und des Leibes Christi, unseres menschenliebenden und erbarmenden Gottes und Seiner heilenden Gnade bedürfen. Die Göttliche Eucharistie ist von Christus gerade dazu eingesetzt worden, damit wir, wenn wir die Allheiligen Gaben empfangen und dadurch mit Christus vereinigen, immer reiner und so der gnadengewirkten Gemeinschaft mit Gott mehr und mehr würdig werden. Aber nicht wir sind von uns aus würdig, sondern durch die gnadengewirkte Vergöttlichung werden wir von Gott aus Gnade und Barmherzigkeit würdig gemacht. Unser geistliches Leben und unsere asketische Vorbereitung auf den Empfang der Heiligen Gaben durch Fasten und Gebet ist nur unsere vorauseilende Antwort und notwendige Vorbereitung auf unsere große Begegnung mit der unverdienten Liebe Gottes, die uns Christus offenbart hat und die Er uns im Empfang der heiligen Kommunion wieder und wieder von Neuem schenkt.

 

So betont unsere orthodoxe Kirche und erinnert die Gläubigen ernsthaft daran, dass jeder, der das Sakrament empfängt, zu dieser Begegnung mit Christus vorbereitet sein muss. Die wahrhaft orthodoxe Vorbereitung auf dem Empfang der heiligen Kommunion darf sich aber nicht auf das Lesen einer bestimmten Zahl von Gebeten und auf die Enthaltung vom Genuss bestimmter Speisen einschränkt werden. Die heiligen Väter, die Texte der Gottesdienste in der Großen Fastenzeit und die großen Seelsorger aller Zeiten werden nicht müde, uns wieder und wieder darauf hinzuweisen, dass die echte geistliche Vorbereitung auf den Empfang der Allheiligen Gaben in erster Linie in einer ernsthaften Läuterung des Gewissens, im Ablegen aller Feindseligkeit gegenüber unserem Mitmenschen und Nächsten und der konsequenten Überwindung jeglichen inneren Grolls und Verärgerung gegenüber unserem Nächsten besteht. Es geht deshalb in der Kommunionvorbereitung vor allem um eine aufrichtige Versöhnung mit allen Menschen.

 

Ob wir vor jedem Empfang der heiligen Kommunion zu Beichte gehen, oder ob wir in regelmäßigen Abständen beichten, hängt unter anderem von den historisch gewachsenen Regeln des kirchlichen Lebens ab, denen unsere eigene orthodoxe Lokalkirche folgt.

 

Generell aber gilt für alle orthodoxen Christen, dass es ein ernstes Hindernis für unsere Teilnahme an der heiligen Eucharistie darstellt, wenn wir durch schwere Sünden belastet sind. Diese müssen unbedingt vorher im Sakrament der Heiligen Beichte bekannt und durch den Priester vergeben werden.

 

In der orthodoxen Kirche ist es üblich, die heilige Kommunion nüchtern zu empfangen, weil der menschliche Körper durch dieses eucharistische Fasten gereinigt und vorbereitet werden soll, durch den Empfang der heiligen Gaben ein lebendiger Tempel Gottes zu werden.

 

Gesunde und erwachsene orthodoxe Christen enthalten sich deshalb ab Mitternacht des Vorabends aller Speisen und Getränke. Alte, Schwangere und kleine Kinder sind, wie auch sonst von der akribischen Strenge des asketischen Lebens ausgenommen. Wer unsicher ist, wie er sich im Einklang mit den kirchlichen Regeln verhalten soll, sollte seinen Priester vorher fragen.

 

Die heilige Kommunion auf nüchternen Magen zu empfangen ist eine altkirchliche Tradition. Sie geht bis auf die nachapostolische Zeit zurück, als die Göttliche Liturgie aufhörte, Fortsetzung des Agape - des altchristlichen Liebesmahles - zu sein und sich in einen feierlichen Gottesdienst verwandelte, der in den Morgenstunden gefeiert wurde.

 

Alle Vorschriften bezüglich der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Kommunion dienen aber niemals einem geistlosen Ritual, sondern sollen den Menschen darauf vorbereiten, dem lebendigen Gott im Sakrament wirklich begegnen zu können. Nicht Gott bedarf unseres Fasten und unserer Gebete, obwohl Er sich darüber freut, sondern wir bedürfen ihrer gleich des hochzeitlichen Gewandes, das Gott uns in der heiligen Kommunion verleiht. Wir müssen uns aber darauf vorbereiten, die unverdienbare Gnadengabe Gottes, Seine uns darin begegnende Liebe und erlösende Fürsorge erkennen zu können, damit wir das hochzeitliche Gewand Gottes nicht einfach achtlos beiseite werfen und uns lieber im schäbigen Kittel des alten Adams ins himmlische Hochzeitsmahl einzuschleichen versuchen.

 

Die Heilige Kommunion ist unsere große Begegnung mit Gott. Dieser heiligen und uns heiligenden Begegnung muss sich der das Sakrament empfangende Mensch ernsthaft bewusst werden, damit diese Begegnung zu einer ihn zur Heiligkeit verwandelnden Begegnung werden kann.

 

So gibt es in der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Gaben gleichsam ein für uns Menschen nur schwer zu erfassendes Paradoxon, das uns aber das Geheimnis der Gottesbegegnung im Empfang der Heiligen Gaben  erschließt: Zum einen rufen uns die Vorbereitungsgebete dazu auf, uns der heiligen Eucharistie in einer Gesinnung der Buße und Umkehr zu nähern. Zum anderen aber rufen uns die gleichen Gebete dazu auf, uns dem Kelch des Heiles mit Gottesfurcht, geistlicher Freunde und Vertrauen auf Gottes großes Erbarmen und Seine unüberwindliche Liebe zu nähern. So sollen wir uns dem Empfang der heiligen Kommunion demütig wegen des Bewusstseins unserer eigenen Sündhaftigkeit und hierher rührenden Unwürdigkeit, aber zugleich auch  mit geistlicher Freude nähern, weil der Herr uns Menschen durch die innige Begegnung mit sich Selbst, im Empfang der heiligen Eucharistie, reinigt, heiligt und vergöttlicht. Er Selbst ist es nämlich, der uns so aus Gnaden würdig macht, Ihm in der heiligen Kommunion zu begegnen trotz all unserer eigenen Unwürdigkeit.